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Der Himmel über dem Ruhrgebiet

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Gerard Mortier ist tot. Als Vorsitzender der Fachschaft des inzwischen eingestellten Studiengangs „Kultur, Kommunikation und Management“ an der Uni Münster hatte ich 2003 das Glück, ihn kennenzulernen. Wir organisierten eine Exkursion zur zweiten Spielzeit der RuhrTriennale und waren begeistert, dass uns auch ein kurzes Treffen mit Gerard Mortier ermöglicht werden sollte. In der Jahrhunderthalle kam er dann auch zu uns und berichtete von seinen Ideen für die RuhrTriennale, seinem Verständnis von Kulturmanagement und seiner Hoffnung auf eine Kunst, die lebendig bleibt und offen für individuelle Erfahrungen ist. Mit erkennbaren Stolz erzählte er, dass er in der ersten Triennale-Spielzeit einige Jugendliche, die vor der Jahrhunderthalle Skateboard fuhren, in eine Oper einlud und sie annahmen – und blieben. Als er nach rund einer halben Stunde zu einem anderen Termin musste, hatte sich ein solch lebendiger Austausch entwickelt, dass er versprach, für eine Fortsetzung nach Münster zu kommen. Keiner von uns hat das wirklich Ernst genommen – warum sollte der Gründungsintendant der RuhrTriennale sich diese Mühe machen? Die Zeit, die er uns schon eingeräumt hatte, war mehr als wir gehofft hatten. Wir hatten das Gefühl, ihm gar nichts bieten zu können, nur unsere Neugierde, die vielfach gepaart war mit einer naiven Ahnungslosigkeit.

Doch tatsächlich: Einige Wochen später kam Mortier nach Münster und beantwortete einen ganzen Abend alle unsere Fragen – egal, wie unwissend wir manchmal waren: er gab uns nie das Gefühl, „dumme Studis“ zu sein – er wollte uns begeistern, überzeugen, motivieren. Und das ist ihm gelungen. Für mich und viele meiner damaligen Mitstudierenden war das offene, persönliche und inspirierende Gespräch eine wichtige bleibende Erinnerung bis heute und hat – wie ich aus der Rückschau sagen kann – eine prägende Rolle für meinen weiteren beruflichen Werdegang gespielt. Für mich verkörpert Mortier bis heute vieles von dem, was ich meine, wenn ich „Kulturmanagement“ sage. Mich hat nicht nur die Ästhetik geprägt, die Mortier für die RuhrTriennale in den Spielstätten der Industriekultur entwickelt hat (und die nach den ersten Jahren unter Mortier erst mit dem jetzigen Intendanten Heiner Goebbels wieder richtig zur Blüte gekommen ist). Es war auch die Haltung, die Mortier in unseren kurzen Begegnungen ausstrahlte: Er hätte statt mit uns zu sprechen auch Sponsoren pflegen, mit Künstlern sprechen oder einfach einen Termin weniger im Kalender haben können. Doch für ihn zählte unser Interesse und unsere Neugierde, die er nicht enttäuschen, sondern Ernst nehmen und befeuern wollte, für ein Projekt, an das er glaubte.

Seit ich die Professur für Kulturmanagement in Karlsruhe angetreten habe, war es mein Traum, Gerard Mortier einmal als Gast an der Karlshochschule zu begrüßen. Wir haben uns noch dazu gemailt, doch zu einem Besuch kam es nicht mehr. Als Leiter der RuhrTriennale zitierte Gerard Mortier in unserer Begegnung mehrfach Willy Brandts Satz „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden.“ Mortier hat dazu viel beigetragen, auch wenn der Kulturhimmel in diesen Tagen weint.

Die RuhrTriennale hat zum Tod von Gerard Mortier einen Nachruf veröffentlicht.

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