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Burg ohne Hausherr

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Deutsch, Kulturmanagement

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Es geschehen spannende Dinge im Kulturmanagement derzeit. In Dresden wird Serge Dorny als Intendant entlassen, noch bevor er seine Stelle überhaupt formell antreten konnte. Die zuständige Ministerin und Chefdirigent Christian Thielemann mühen sich, Dorny als bösartigen Despoten darzustellen. Doch wie die WELT berichtet, scheinen das nicht alle im Haus so zu sehen – sie zitiert den Dresdner Balletdirektor Aaron Watkin, er sehe Dorny als „inspirierende Persönlichkeit mit einer wundervollen Vision“. Dieses Bild vermittelte Dorny auch bei einem Vortrag auf der ENCATC-Konferenz in Antwerpen 2013, bei der ich kurz Gelegenheit zu einem Austausch mit ihm hatte. Ja, er wirkte durchaus selbst- und machtbewusst. Vor allem aber vermittelte er eine klare Idee, wie die Semperoper neuen Glanz gewinnen kann – nicht als Museum, sondern als Haus das mit seiner Tradition im 21. Jahrhundert ankommt. So wird es nun erst einmal nicht kommen und es darf bezweifelt werden, ob sich nach der auch stilistisch mehr als fragwürdigen Kündigung noch ein Kulturmanager oder eine Kulturmanagerin von internationalem Format den Job in Dresden neben oder unter Thielemann antun mag.

Ähnlich turbulent geht es in Wien am Burgtheater zu, wo erst die kaufmännische Leiterin Silvia Stantejsky wegen massiver finanzieller Unregelmäßigkeiten gehen musste und nun vergangene Woche auch der Intendant Matthias Hartmann fristlos entlassen wurde. Eine „erhebliche Verletzung der Sorgfaltspflicht“ hat der zuständige Minister Josef Ostermayer auch bei Hartmann gesehen, der sich bis zuletzt darauf berufen hatte, als künstlerischer Leiter von der finanziellen Schattenwirtschaft des Hauses nichts gewusst zu haben – er sei ja nur für die Kunst zuständig. In privaten Dingen hat sich Hartmann durchaus mit finanziellen Fragen befasst – legendär seine „Protz-Villa“ am Zürichsee zu Zeiten seiner dortigen Intendanz –, das österreichische Nachrichtenmagazin profil berichtet von Zusatzhonoraren von je 52.500€ für jede Inszenierung, die er während seiner Wiener Intendanz an der Burg selbst leitete. Profil zeichnet nun das Bild eines Hauses ohne Hausherr, dem es ironischerweise ohne Chef gar nicht so schlecht gehe:

„Wenn Hartmann Regie geführt hat, war er doch auch für keinen ansprechbar“, sagt etwa die Schauspielerin Regina Fritsch gegenüber profil. „Chaos gibt es im Moment überhaupt nicht, jede Abteilung tut einfach weiterhin ihre Arbeit.“

Skeptiker mutmaßen, dass es bis zur Spielzeit 2016/17 dauern könne, bis eine neue Leitung dauerhaft installiert werden kann. Ob die Burg so reibungslos durch diese lange Zeit kommen wird, wie die ersten optimistischen Stimmen aus dem Haus das hoffen, wird sich zeigen. (Immerhin hat John Lanchester 2011 in der London Review of Books nachgezeichnet, dass Belgien in der europäischen Wirtschaftskrise am besten abgeschnitten hat – in einer Zeit, in der das Land keine Regierung hatte.)

An dem Fall Hartmann lassen sich mindestens zwei Dinge zeigen: So sinnvoll die Aufteilung der Leitung eines großen Hauses in eine „künstlerische“ und eine „wirtschaftliche“ Geschäftsführung in vielen Fällen ist – sie entbindet auch den künstlerischen Leiter nicht von der Aufgabe, auch die fundamentalen ökonomischen Fragen des Hauses im Blick zu behalten. Ein Intendant mag sich als Künstler verstehen, er (oder sie) ist immer auch Kulturmanager. „Geld spielt keine Rolle“ – die Zeiten sind längst vorbei, ob man es begrüßen mag oder nicht.

Vor allem aber ist der Fall Hartmann auch ein Lehrstück in Sachen Kommunikation. Die Art und Weise, wie sich der entlassene Burgherr bis zuletzt an seinen Posten klammerte und sich zugleich unwissend stellte, war unwürdig. In diesen Tagen liegt ein Vergleich zu Uli Hoeneß nahe: Auch der hat offenbar lange gehofft, er könne schon noch irgendwie den Kopf aus der Schlinge ziehen. Aber nach dem Urteil des Gerichts hat er erkannt, dass diese Strategie nur eine Spirale nach unten auslöst in der der Vertrauens- und Ansehensverlust immer weiter zunehmen. Mit seinem Verzicht auf eine Revision und den unmittelbaren Rücktritt von allen Ämtern hat er das Beste aus der Situation gemacht, in die er sich selbst hineinmanövriert hat. Und dies, auf eine so kluge Art, das gar die deutsche Kanzlerin verkünden lässt, dem verurteilten Steuerhinterzieher Hoeneß gebühre „Respekt“. Das mag man befremdlich finden, kommunikativ hat Hoeneß – zum Schluss – weise agiert. Hartmann ging ein vergleichbares Gespür für Kommunikation und Konsequenz ganz offensichtlich ab. Paradoxerweise hätte er sein Amt womöglich tatsächlich retten können – wenn er von Anfang an offen und klar kommuniziert hätte und an der Aufklärung der Finanzlage der Burg besser mitgewirkt hätte. So bestätigt sich einmal mehr die Erkenntnis des britischen Soziologen John B. Thompson, der in einer Studie über politische Skandale gezeigt hat, dass die meisten Politiker letztlich nicht wegen der Tat stürzen, die ursprünglich Gegenstand eines Skandals ist, sondern an der Art, wie sie mit den Vorwürfen umgehen. Es seien die „second-order transgressions“, die Verfehlungen, die bei dem Versuch die eigene Verantwortung zu leugnen, herunterzuspielen oder zu verdunkeln, die meist erst das Ende von Positionen und Karrieren verursachen.

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