Cover Nachwuchsförderung

Best Practices der Promotionsförderung

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Deutsch, GCSC, Publications

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Wer meint, die Mühlen der Wissenschaft mahlen langsam, konnte sich in den letzten Jahren ungläubig die Augen reiben: Unter dem Schlagwort „Bologna Reform“ war zum einen die vielleicht gravierendste Veränderung der Studienorganisation in Deutschland mindestens seit dem Beginn der „Massenuniversität“ in den 60er Jahren zu beobachten. Nach langem anfänglichen Zögern verabschiedet ein ganzes Land in einer großen Hauruck-Aktion seine gewachsene Studien-Tradition aus Diplom und Magister für Bachelor und Master. Mit etwas weniger öffentlicher Beobachtung findet auch im Bereich der Promotion ein ähnlich gravierender Reformprozess statt: Das einstige– vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften vorherrschende – Ideal der „einsamen Promotion“, in der der (meist männlich gedachte) Doktorand nur eine Bibliothek und einen (stets männlich gedachten) „Doktorvater“ brauchte, eine Dissertation zu verfassen, ist in Deutschland zwar schon einige Jahrzehnte lang kritisch hinterfragt worden – zu lange dauerte dieses Promovieren in Einsamkeit, zu oft scheiterte es zum Teil nach Jahren, zu sehr wurden die Promovierenden in Abhängigkeit von einer Person gehalten, die oftmals zugleich der Arbeitgeber ist und am Ende auch über Note, Wohl und Wehe der Promotion und somit auch die beruflichen Perspektiven entscheidet.

Wenngleich die Kritik (vgl. ein Papier vom Wissenschaftsrat) lange bekannt war, blieben die ersten Reformversuche zögerlich: Die DFG schuf noch im vergangenen Jahrhundert Graduiertenkollegs, die erstmals ein Format auch in den „Buchwissenschaften“ förderten, in dem der Prozess des Promovierens als gemeinschaftliches Unterfangen gedacht wurde. Doch es dauerte bis 2001, bis in Deutschland mit dem Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaften an der Universität Gießen erstmals eine Universität selbst ein strukturiertes Qualifikations- und Forschungsangebot für die Promovierenden in den Geistes- und Sozialwissenschaften etablierte.

Die höchst zögerlichen Reformen bekamen erst Schwung, als die Universitäten – natürlich! – mit Geld und Ruhm gelockt wurden. Seit die Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder 2006 erstmals die Förderung von „Graduiertenschulen“ auslobte, sprießen die strukturierten Programme bundesweit aus dem Boden wie Bärlauch im frühlingshaften Forst. Das ist prinzipiell nicht schlecht, wenngleich viele Fragen bis heute unbeantwortet bleiben. Am dringendsten gebraucht wird absehbar eine Antwort auf das Paradox, dass der wissenschaftliche Nachwuchs angesichts der Investitionen in die Promotionsförderung heute so gut ausgebildet ist wie nie zuvor, ohne dass die Quantität (ganz zu schweigen von der Qualität) der Stellen für die Zeit nach der Promotion mithalten kann.

Während diese und ähnlich fundamentale Fragen nach Sinn und Ziel der Nachwuchsförderung nur selten thematisiert und fast nie befriedigend beantwortet werden, gibt es inzwischen immerhin über die Frage nach einer sinnvollen Ausgestaltung der Promotionsphase einen regen Diskurs. Böse formuliert: Wenn wir Promovierenden schon nicht viel mehr als auf Jahre und oft Jahrzehnte prekäre Arbeitssituationen in der Wissenschaft nach der Promotion bieten können, sollen sie es wenigstens währenddessen gut haben.

Eine aktuelle und lesenswerte Zusammenstellung von „Best-Practice-Modellen“ zur Nachwuchsförderung in der Wissenschaft hat nun Isolde von Bülow vom LMU Graduate Center herausgegeben. Das Buch gibt sowohl einen Überblick über die historische Entwicklung der strukturierten Promotion in Deutschland, stellt einige große Einrichtungen zur Nachwuchsförderung vor und thematisiert konkrete Herausforderungen des Wissenschaftsmanagements im Promotionskontext wie Rekrutierungsverfahren, Qualifizierung, Qualitätssicherung oder die Organisation von Interdisziplinarität. Ich bin mit einem Beitrag vertreten, der die vielfältigen Dimensionen der Internationalisierung von Nachwuchsförderung aufzeigen soll und mögliche Strategien zur Vernetzung vorstellt.

Besonders beeindruckt haben mich auf der dem Band zugrunde liegenden Konferenz zwei Vorträge: Der Beitrag von Anne J. MacLachlan, die die Entwicklung von Promotion und PhD in den USA und Deutschland vergleicht und die vielfältigen Übersetzungsprozesse herausarbeitet. Es ist ein klassisches Paradox der Hochschulentwicklung, das Deutschland mit dem Modell der „Graduate School“ Anfang der 2000er Jahre ein Modell einführt, das zumindest vorgibt, dem angloamerikanischen Vorbild nachempfunden zu sein – just zu dem Zeitpunkt, in dem in den USA das amerikanische Modell beispielsweise vom Präsidenten der MLA mit fast den gleichen Krisendiagnosen kritisiert wird, wie einst das deutsche Modell der einsamen Promotion.

Ein echter Augenöffner ist der Beitrag von Italo Masiello, der das ausgeklügelte Qualifizierungsprogramm vorgestellt hat, das Professor_innen am schwedischen Karolinska Institutet durchlaufen müssen, bevor sie Promotionen betreuen dürfen. Wo in Deutschland gerade erste vorsichtige Versuche von Workshops, kollegialem Lernen und Coachings gewagt werden, ist dort über Jahre ein Programm entwickelt und etabliert worden, das von den Betreuer_innen selbst hervorragend evaluiert wird, obwohl (oder weil?) es aufwendig und langwierig ist. Ob es eine Universität in Deutschland wagen wird, diesem Beispiel nachzueifern?

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